Leipzigs größtes legales Graffiti-Projekt an HTWK-Turnhalle gestartet
Vielen Hausbesitzern sind Graffiti ein Ärgernis. Auch die Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTWK) hatte an ihrer Sporthalle ein „Sprüher-Problem“. Die Schulleitung entschied sich für eine sprayerfreundliche Lösung und beauftragte den Leipziger Graffitiverein mit seinem derzeit größten Projekt: Im Laufe dieser Woche gestalten 30 junge Künstler die 400 Quadratmeter-Wand der Turnhalle mit Sportmotiven und ausgefallen gestalteten Buchstaben. „Einerseits ist das legale Übersprühen als wirksames Mittel gegen die verbotenen Schmierereien bekannt“, erläutert Projektbeauftragter Sebastian Drechsel. Andererseits integriere der Verein so die Jugendlichen in die legale Graffiti-Szene.

Der Graffitiverein arbeitet an der HTWK Turnhalle.

Foto: André Kempner

Harant, Manuela: Leipzigs größtes legales Graffiti-Projekt an HTWK-Turnhalle gestartet. In: Leipziger Volkszeitung, 26.04.2006, S. 15

Sprüher aus Leidenschaft
Junge Graffiti-Künstler werden in legale Szene integriert

Legales Graffiti als wirksamer Schutz vor unerwünschter Verschmutzung.Legal besprüht: HTWK-Turnhalle in der Arno- Nitzsche-Straße. Inzwischen hat sich das legale Übersprühen als wirksames Mittel gegen die verbotenen Schmierereien herausgestellt.


Foto: André Kempner




„Das legale Übersprühen ist mittlerweile als wirksames Mittel gegen die verbotenen Schmierereien bekannt“, erläutert Sebastian Drechsel vom Graffitiverein, der Leipzigs größtes legales Sprayer-Projekt zusammen mit Partner Sascha Kittel ehrenamtlich betreut. Deshalb gestalteten jetzt 30 junge Künstler die Turnhalle der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) in der Arno-Nitzsche-Straße im Auftrag der Schulleitung. Auf 400 Quadratmetern konnten sich die Jugendlichen mit ihren Dosen austoben.
Damit jedoch die anderen Sprayer der Stadt die beauftragte Arbeit akzeptieren, müssen die Projektbeauftragten einen Kompromiss finden zwischen den optischen Wünschen der HTWK und denen der Sprayer. „Deshalb wechseln sich Sportmotive mit den so genannten Styles ab, das sind kunstvoll gestaltete Buchstaben“, erklärt Kittel. Daneben sei sein Ziel, die Jugendlichen in die legale Graffiti-Szene integrieren.
Dass diese Strategie gut bei den von Kittel geschätzten 500 Leipziger Sprühern ankommt, zeigt das Beispiel von Stefan. Der 21-Jährige hält sich normalerweise nachts an fremden Hauswänden auf und markiert sie mit seinem Tag – das ist sein Signaturkürzel und Erkennungszeichen. Durch den Verein kann Stefan nun tagsüber der Phantasie freien Lauf lassen und seinem ausgefallenen Hobby nachgehen, ohne Hektik und ohne Angst vor Strafen. „Außerdem ist es schön, dass hier viele von meinen Freunden mitmachen.“ Trotzdem wird der gelernte Maler nach dem Ende der Aktion wieder zu seiner Crew zurückkehren und nachts um die Häuser ziehen. „Einerseits gibt das einen Kick, weil es verboten ist. Andererseits ist es ein cooles Gefühl, an Gebäuden vorbeizukommen, an denen meine Styles und Tags stehen“, sagt Stefan.
Angefangen hat er in der Schule im Alter von 13 Jahren. „Seitdem habe ich immer passende Bilder im Kopf, wenn ich eine coole Wand sehe“, beschreibt der Leipziger die Intensität, mit der er sein Hobby auslebt. In der Szene bekannt ist Stefan vor allem für seine ausgefallenen Buchstaben. „Sogar meine Mutter erkennt mich an den Schriftzügen. Sie findet das auch schön“, sagt der angehende Zivildienstleistende.
Komplett weg vom illegalen und hin zum beauftragten Sprayen hat es dagegen Philipp Weber geschafft. „Ich bin gerade dabei mich selbständig zu machen, um meinen Lebensunterhalt durch meine Kunstwerke zu finanzieren“, sagt der 26-Jährige. Weber selbst macht für sich Werbung, indem er direkt an Hausbesitzer mit verschmierten Fassaden herantritt. „Wenn ich sehe, dass eine Fläche immer wieder überstrichen wird, erkläre ich dem Eigentümer, dass ich sie nach seinen Wünschen gestalten kann und gleichzeitig so, dass sie nicht wieder übersprüht wird.“ Eines seiner größten Objekte bisher war der Wagenschuppen der Parkeisenbahn am Auensee, an dem der Profi die Lok abbildete.
Auch der Graffitiverein hilft ihm bei der Jobsuche. „Durch Sascha und Sebastian bekomme ich ab und zu Kontakte zu Interessenten für meine Arbeit“, sagt Weber. Außerdem: Es gibt kaum eine besseres Werbeobjekt als die bunt bemalte HTWK-Turnhalle, die nun vielen Passanten ins Auge sticht.


Harant, Manuela: Sprüher aus Leidenschaft. Junge Graffiti-Künstler werden in legale Szene integriert. In: Leipziger Volkszeitung, 18.05.2006, S. 17