Die Bilder zu diesem Projekt des Graffitivereins sind hier zu sehen.Hier haben wir im Leipziger Zentrum die Bike ´n´ Skate - Anlage gemeinsam mit interessierten und talentierten Jugendlichen gestaltet. Diese erhielten so die Chance, die etwas stiefmütterlich behandelte Anlage liebevoll aufzupimpen. Eingebettet in ein gemeinsam mit dem Jugendamt und anderen Institutionen der Stadt Leipzig erarbeitetes Gesamtkonzept entstand so ein neuer, farbenfroher Blickpunkt im Herzen der Stadt. So wurde auch den Kritikern wieder einmal eindrucksvoll bewiesen, dass es oft nur auf die Organisation des Zusammenlebens ankommt, um Konflikte für alle einvernehmlich und zum Wohl der Gesellschaft zu lösen. Die Bilder zu diesem Projekt des Graffitivereins sind hier zu sehen.



 

Medienecho


Kreativ statt kriminell

 

Jugendtreff am Goerdelerring mit neuem „Anstrich"

 

Wie eine bunte Oase im tristen Stadtgrau. Schrille, kräftige Farben und fantasievolle Figuren prangen überlebensgroß rund um den Biker- und Skatertreff am Goerdelerring. Am vergangenen Wochenende haben etwa 50 Sprayer Sonderschichten eingelegt, um dem beliebten Jugendtreff einen frischen „Anstrich" zu verpassen. Die Organisation und Vorbereitung des Projekts nahmen Jugendamt und Graffitiverein ein gutes Jahr lang in Beschlag, bevor die Farbdosen geschwungen und der „totale Wildwuchs", wie Organisator Sascha Kittel vom Graffitiverein die Situation vorher beschreibt, gebändigt werden konnte.

Der 14-jährige Philipp, einer der Teilnehmer des Projektes, ist das ganze Wochenende vor Ort gewesen. Gute acht Stunden reine Arbeitszeit hat er in die Gestaltung seiner Teilfläche gesteckt. Ein Aufwand, den nicht alle Passanten zu honorieren scheinen - Graffiti, immer noch eine Gratwanderung zwischen gut und schlecht. Philipp: „Ich habe zwar nichts gehört, aber die Blicke der meisten sind schon ziemlich aussagekräftig. An sich ist Graffiti ja nichts Illegales, sondern Kunst. Nur wissen das die Wenigsten."

Legal oder illegal - das macht für seinen 22 Jahre alten Namensvetter Philipp keinen Unterschied. Auch er hat die Vorbereitungen über Tage mit voran getrieben und eine der Teilflächen selbst mitgestaltet. „Die Bilder hier sehen vielleicht bunter und auf­wändiger aus, als viele sonst. Aber an der Botschaft ändert sich dadurch trotzdem nichts. Es ist genau dasselbe, wie ein hässliches schwarzes Bild vor seinem Haus prangen zu haben."

Für den Graffitiverein gibt es da schon Unterschiede. Das Konzept, das hinter dem Projekt steht, ist das des Vereins selbst: „Kreativ statt kriminell", erklärt Organisator Sascha Kittel. „Wir plädieren dafür, dass man versucht, für die Jugendlichen, die sich künstlerisch austoben wollen, Flächen zu finden, an denen sie das tun können." Seit 15 Jahren blieben solche Flächen in der Stadt ungenutzt, obwohl sie Energien und Bedarf von anderen Objekten wegziehen könnten, erklärt er. Da sei ein einmaliges Projekt dieser Größenordnung, angesichts einer Leipziger Graffitiszene von 400 bis 500 Leuten, nur „ein Tropfen auf den heißen Stein". Deshalb werde an den nächsten Projekten auch schon gearbeitet. Christiane Lösch

Lösch, Christiane: "Kreativ statt kriminell: Jugendtreff am Goerdelerring mit neuem Anstrich" In: Leipziger Volkszeitung Nr. 172, 27.07.2007, S. 27

Halfpipe bekommt fiesen Piraten

Der fiese Pirat sowie Graffitikünstler Alban in Aktion am Brühl.
Foto: André Kempner

Graffitiverein möbelt Sportanlage am Brühl auf

Konzentriert richtet Tim Weiske seinen Blick auf sein Kunstwerk. Noch ein bisschen die Nase ausbessern, an die Augen ran. Schnell greift er zur Dose mit Hautfarbe. Drei Stück hält er in der Hand. Braun, beige und eben hautfarben. Acryllack. Damit behandelt der 20-Jährige sein Bild. Den Piraten auf seinem Bild. „Er ist einem Fass gefesselt, das in einem Strudel steckt“, erklärt Tim sein Kunstwerk. Gesprüht hat er es am Sonnabend an eine Halfpipe. Die größere der beiden am Richard-Wagner-Platz. An der Flanke, die genau in Richtung Goerdelerring zeigt. „Irgendwie lässt sich dieses Bild auf mein Leben übertragen“, sagt Tim. Gerade hat er sein Abi fertig gemacht, beginnt demnächst seinen Zivildienst. Was danach kommt – unklar. „Seit etwa drei Jahren spraye ich“, erzählt der Leipziger und zieht schnell seine weiße Latzhose gerade. Graffitiverein steht auf dem Latz. Das Sprühen an der Skateranlage ist ein Projekt des Vereins.
Einer der Verantwortlichen ist Sascha Kittel. „Wir haben das Projekt bereits voriges Jahr begonnen“, erklärt er. Immer wieder habe es Streit zwischen Skatern, all jenen mit Inlineskate und Skateboards, und Bikern, den Radfahrern, gegeben. „Die einen brauchten das, die anderen das, um ihrem Sport richtig nachzugehen“, so Kittel. Als erstes habe deshalb der Graffitiverein in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt eine Eisenstange etwa 20 Zentimeter über dem Boden angebracht. Für die Skater. Vergangene Woche begann dann das Graffiti-Projekt mit dem Abschluss am Wochenende. „Es sind drei Parteien, die hier mitmachen“, sagt Kittel. „Illegale Sprüher, legale Sprüher und Skater.“ Jeder habe sich in der vorigen Woche Skizzen angefertigt, die er nun am Objekt umsetzt. Unter den Augen der Kunstpädagogen des Vereins. „Das ganze erfüllt noch einen weiteren Zweck“, meint Kittel. „Hier haben sich sonst etwa 100 illegale Sprayer ausgetobt. Durch die jetzige Gestaltung bleiben sie fern.“ Schließlich ist in der Szene ein ungeschriebenes Gesetz, das jene Stellen, die durch einen anderen Sprayer gestaltet sind, nicht übermalt werden.
„Wir haben hier immer wieder mit Widerstand zu kämpfen“, sagt Kittel. „Einige wollen die Anlage hier ganz weghaben. Aber dann haben die Jungs und Mädels ja gar keine Möglichkeit mehr ihrem Hobby nachzugehen.“ Auch durch die geplante Brühl-Bebauung bliebe der Platz für die Skater und Biker erhalten. Jedenfalls vorerst. „Wir haben die vertragliche Zusicherung bis Ende 2008“, erklärt Kittel. „Aber es sieht so aus, als ob es diese Anlage auch danach noch geben wird.“ Denn: Es mangelt an Alternativen, wie Kittel feststellt.
Tim ist mit seinem Bild derweil schon ein ganzes Stück weitergekommen. Nur noch wenige Stellen sind mit Farbe zu füllen. „Ich zeichne alles mit orangefarbenen Linien vor“, erklärt der Leipziger. „Dadurch sehe ich, ob die Proportionen stimmen.“ Zwischen sechs und sieben Stunden braucht er bis zur Fertigstellung. „Für mich ist es sehr beruhigend“, so Tim. Die Ideen bekommt er bei Straßenbahn- oder Autofahrten. Den Piraten entdeckte Tim auf dem Filmplakat von „Fluch der Karibik“. Johnny Depp diente denn auch als Vorlage. Mit dem Unterschied, dass Tims Pirat viele Warzen und heraus stechende Augen hat. Richtig fies eben.

Linda Polenz

Polenz, Linda: "Halfpipe bekommt fiesen Piraten: Graffitiverein möbelt Sportanlage am Brühl auf" In: Leipziger Volkszeitung Nr. 170, 24.07.2007, S. 10